Beschwerdebriefe von Bertolt Brecht

An Hermann Henselmann

Berlin, 15. Dezember 1953

Lieber H. Baumeister,
das Haus Schumannstraße 14b steht unter Denkmalschutz. Das Berliner Ensemble hat eine in diesem Haus neu ausgebaute Wohnung für ein Mitglied erhalten. Aber der Herr Koepsel von der BVM Mitte sagt, er könne aus sozialen Gründen kein WC für eine Einzelperson einbauen, da die andern Bewohner im Treppenhaus ihre Notdurft verrichten. Nun könnt ihr ja nicht verhindern, daß Spatzen oder Leute auf Denkmäler scheißen. Aber die Klosettlosigkeit braucht in denkwürdigen Gebäuden doch nicht geschützt zu werden. Kurz, als Gegenleistung für gewisse Verse über besseres Leben, die Du gelegentlich in Deine Häuser einmeißelst, erbitte ich ein WC in Schumannstraße 14b.

Herzlich Dein

brecht

Brecht hat in den 50er Jahren noch eine Reihe ähnlicher Beschwerdebriefe an DDR-Institutionen verfasst. So fleht er z.B. in einem Schreiben von 1956 die Radeberger Brauerei an, ihm ausnahmsweise – und weil er Bayer ist – zwei Kisten Bier pro Monat an seine Ostberliner Adresse zu liefern, weil das restliche Bier in der DDR so schlecht wäre. Grossartig ist auch der Brief, in dem er sich beim DDR Innenministerium über die Grenzbeamten am Kontrollpunkt Dahlewitz-Hoppegarten beschwert und ein Dokument fordert, das ihn dauerhaft von Diskussionen mit der Volkspolizei befreit, weil ihn diese zu sehr deprimierten. Dann wäre da noch ein Beschwerdebrief von 1955 an die H.O. Bezirksleitung Mitte über eine unkooperative Verkäuferin in einem verdreckten, unaufgeräumten HO-Filiale an der Friedrichstraße, die Brecht auf die Frage nach einer bestimmten Schokoladensorte nur mit “ham wa nich” antwortete und das Thema damit für erledigt betrachtete.
Es würde mich sehr interessieren, ob er seine Toilette bekommen hat. Das “ham wa nich” konnte er leider nicht aus der Welt schaffen. Es hat sich im Lauf der Zeit zu einem Synonym für die unstabile Versorgungslage in der DDR entwickelt und steht für die Erkenntnis, dass der gewünschte sozialistische Reifegrad nicht bei allen Volksgenossen erreicht werden konnte. In dem Wörterbuch Sprache in der DDR heisst es unter “ham wa nich”: “Dieses Produkt ist leider nicht im Angebot. Wir wissen auch nicht, ob und wann es wieder geliefert wird. Galt als Inbegriff für landesweit schlechte Versorgung mit Waren aller Art und eine ebensolche Bedienung”.
Brecht starb 1956 und hat die Entwicklungen des real existierenden Sozialismus in der DDR nur in seinen Kinderschuhen miterlebt. Die oben zitierten Beschwerdebriefe sind sicherlich zu den kleineren Kämpfen zu zählen, die Brecht mit der DDR Bürokratie auszufechten hatte. Sie zeugen von Humor, aber auch von dem unbeirrbaren Glauben daran, dass es sich bei den damaligen Missständen um korrigierbare Erscheinungen handle, die man durch Kommunikation mit den Verantwortlichen beiseite schaffen könne – um Kinderkrankheiten des Sozialismus, sozusagen.
weiterführende Links:
zeit.de, Sieben Briefe von Berthold Brecht
freitag.de, “Die Volkskammer in größeren Schwung setzen”
Birgit Wolf: Sprache in der DDR

An Hermann Henselmann

Berlin, 15. Dezember 1953

Lieber H., Baumeister,
Das Haus Schumannstraße 14b steht unter Denkmalschutz. Das Berliner Ensemble hat eine in diesem Haus neu ausgebaute Wohnung für ein Mitglied erhalten. Aber der Herr Koepsel von der BVM Mitte sagt, er könne aus sozialen Gründen kein WC für eine Einzelperson einbauen, da die andern Bewohner im Treppenhaus ihre Notdurft verrichten. Nun könnt ihr ja nicht verhindern, daß Spatzen oder Leute auf Denkmäler scheißen. Aber die Klosettlosigkeit braucht in denkwürdigen Gebäuden doch nicht geschützt zu werden. Kurz, als Gegenleistung für gewisse Verse über besseres Leben, die Du gelegentlich in Deine Häuser einmeißelst, erbitte ich ein WC in Schumannstraße 14b.

Herzlich Dein

brecht

In the above letter, addressed to GDR architect & master-builder Hermann Henselmann, Brecht asks for the installation of a toilet into a friend’s appartment. A request the authorities had rejected before, due to socialist reasons. Everyone in the house had to use the toilets in the stairwell and to make an exception was considered unfraternal. I doubt that Brecht’s airtight argument, –that even in landmarked buildings, toiletlessness is nothing that deserves protection–, was able to make them change their mind.
Brecht wrote several more, similar letters of complaint to GDR officials in the early 50s. There is, for example, another one, adressed to the GDR Ministry of the Interior, stating that the border officials at Checkpoint Dahlewitz-Hoppegarten made him depressed. As a conclusion, he demands a document to free him from discussions with the Volkspolizei for all times. In another hilarious letter from the 50s he begs the Radeberger Brewerie to send him–being a Bavarian, and desperate for good beer–two crates of beer a month to his East Berlin address. He also wrote to the regional management of the H.O. supermarket chain [a state-owned trade-organisation in the GDR], complaining about an unfriendly sales girl in their Friedrichstraße branch. He was trying the get a particular sort of chocolate, but the girl just answered “ham wa nicht” [Berlin slang for: we don’t have that in stock] and turned away.
I’d be thrilled to know whether he got that toilet. He didn’t succeed in getting that  “ham wa nich” erased from the world, though. Over the years, it evolved into a synonym for the unstable supply situation and lax work-ethic in the GDR, where all performance incentives were missing. The term is even featured in a german dictionary about language in the GDR. According to that entry, “ham wa nich” means that a product is out of stock and noone can tell, whether or when it will be back in stock again.
Bertolt Brecht died in 1956 and witnessed the ‘Real Existing Socialism’ in the GDR only in it’s infancy. The letters cited above certainly belong to the smaller  battles he fought against the GDR bureaucracy. His letters of complaint show humor, but also an unshakable belief in the possibility to correct the political course by persistently raising grievances and proposing solutions.
Read more:
zeit.de, Sieben Briefe von Berthold Brecht [DE]
freitag.de, “Die Volkskammer in größeren Schwung setzen” [DE]
Birgit Wolf: Sprache in der DDR [DE]

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