Der Zauberkönig

Wenn von Neuköllns Stadtbild die Rede ist, wird meist die typische Aneinanderreihung von Dönerladen-Wettbüro-Spätkauf-Handyladen erwähnt. In der Tat ist es schwer geworden, einen traditionellen Bäcker, Metzger oder Blumenladen zu finden – was sich an alteingesessenem Einzelhandel dagegen noch halten zu können scheint, sind die obskureren Geschäfte. Fast könnte man annehmen, der Bedarf an Briefmarkensammlungen, Mineralien, Furzkissen und biographischer Literatur wäre in Neukölln größer, als der an Brötchen, Blumen und Wurst. Nachdem wir uns einige dieser Nischengeschäfte näher angeschaut haben, sind wir jedoch zu dem Schluss gekommen, dass das Geheimnis ihres Fortbestehens vielleicht eher bei den Besitzern als bei den Produkten zu suchen ist. Unter den Läden Neuköllns, die hartnäckig dem Zeitgeist trotzen, ist der Zauberkönig wohl der Älteste – und der Hartnäckigste. Seit der Entstehung, die sich bis ins Jahre 1884 zurückverfolgen lässt, wurde das Zauberbedarfsgeschäft immer wieder von den politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen in Berlin überrumpelt. Mehrmals stand der Zauberkönig kurz vor dem Aus, konnte diesem Schicksal jedoch immer wieder durch das Durchhaltevermögen seiner Besitzer entgehen.

Die Geschichte des Zauberkönigs geht zurück auf die Familie Leichtmann, eine aus Wien stammende jüdische Zauberer-Dynastie, deren Töchter Ende des 19. Jahrhunderts in München, Berlin und Hamburg Zauberläden gründeten. Der Berliner Zauberkönig eröffnete 1899 in der Friedrichstraße 52 und zog 1906 zwei Häuser weiter, in die Friedrichstraße 54. Damals war die Gegend mit ihren zahlreichen Varietés, Kleinkunstbühnen und Filmtheatern eine Hochburg für Artisten und Zauberer. Im Jahre 1938 wurde das Geschäft arisiert und die jüdischen Besitzer Arthur und Charlotte Kroner (geb. Leichtmann) enteignet. An die früheren Besitzer erinnern in der Friedrichstraße noch drei Stolpersteine – das Ehepaar entging der Deportation 1943 durch Selbstmord, ihre Tochter Meta Kroner starb im gleichen Jahr in Auschwitz.
Regina Schmidt, eine Angestellte, übernahm den Laden 1938 und rettete ihn durch die Kriegswirren hindurch. Im Jahre 1952 beschloss die DDR-Regierung, alle Betriebe von Westberlinern, die noch im Osten der Stadt angesiedelt waren, ersatzlos zu enteignen und den Westbesitz in Staatseigentum zu überführen. Dies betraf auch Frau Schmidt. Sie wurde gezwungen ihren Laden samt allen Waren der Volkspolizei zu überlassen und einen Neuanfang in Westberlin zu riskieren. Da sie im Kirchenvorstand war, wurde ihr gestattet, ein Grundstück am Rande des Neuköllner Jerusalem-Friedhofs zu pachten und darauf einen kleinen Flachbau zu errichten. So kam der Zauberkönig vor 60 Jahren in die Hermannstraße – wo er sich auch noch heute befindet, als “einziger Scherzartikelladen auf einem Friedhof”. Als Frau Schmidt 1978 starb, kaufte Günter Klepke den Laden.

Wir trafen den 82-jährigen im Sommer 2011 zu einem Gespräch – ohne zu wissen, dass dem Zauberkönig ein neuer Umbruch unmittelbar bevorstand. Längst war Herr Klepke aufgrund seines Alters nicht mehr in der Lage, den Laden alleine zu schmeißen. Seit 1995 führte seine Tochter Mona Schmid das Geschäft, er stand nur noch samstags hinter der Theke und half hier und da aus.

Er erzählte uns, wie er 1936, als Kind schon von der Zauberei fasziniert, den Zauberkönig an der Friedrichstraße entdeckte. Beruflich schlug er zunächst einen anderen Weg ein – nach dem Krieg arbeitete er unter anderem für die Amerikaner im Labor Service als Wachmann, als Autoantennen-Verkäufer, zwischenzeitlich beim Rundfunk als Geräuschemacher und bei einem Spiralfedern-Hersteller. Nebenbei verfolgte er viele Interessen, war Mitglied im Kegel-, Schach-, und Musikverein und Amateurzauberer bei den “Zauberfreunden Berlin”. Als er 1978 hörte, dass Frau Schmidt gestorben war, entstand in ihm der Wunsch, den Zauberkönig zu übernehmen. Mit einem Marshallplan-Kredit kratzte er das nötige Geld zusammen und kündigte seinen Job. Er zeigte uns ein Gästebuch, in dem sich sämtliche bekannten Zauberer verewigt haben, die über die Jahre hinweg in seinen Laden kamen. Auch Pierre Littbarski, der ehemalige Profilfußballer, und die Puhdys waren einmal zu Besuch, sagt er.
Leider ist in den letzten Jahrzehnten das Kerngeschäft – Feuerwerks- und Faschingsartikel – immer weiter zurückgegangen. Kurz nach unserem Gespräch im letzten Jahr schloss der Zauberkönig und es war eine Zeit lang nicht klar, ob er jemals wieder aufmachen würde. Erfreulicherweise hat Klepkes 26-jährige Enkelin Karen Goetzke mit einer Freundin zusammen das Ruder in die Hand genommen, den Laden renoviert und im Mai 2012 wiedereröffnet. Er wirkt jetzt aufgeräumter aber hat dennoch viel von seinem kauzigen Charme behalten.

Besonders interessant fanden wir, was Herr Klepke vom Neukölln der Nachkriegszeit zu erzählen hatte – als die Gegend noch berühmt war für ihre Musiklokale, Kinos und Ballsäle. Herr Klepke war, neben allem Erwähnten, nämlich auch viel im Berliner Nachtleben unterwegs.

//English version//

When people think of Neukölln, typically what comes to their mind is a conglomeration of Döner-takeaways, betting agencies, convenience stores and cell phone shops. As a matter of fact, it has become difficult to find a traditional bakery, butcher or florist – however, the small businesses that have survived all this time tend to deal in quite obscure goods. One is inclined to assume that the need for stamp collections, minerals, whoopee cushions and biographic literature in Neukölln exceeds that for bread rolls, flowers and sausage. After we took a closer look at some of these niche-shops, we concluded that the secret of their survival is not what they sell, but who runs them. Among the shops in Neukölln that stubbornly defy the Zeitgeist, the Zauberkönig is probably the one that has existed the longest– and had the most stubborn owners.
Since its beginning, which can be traced back to the year 1884, the trade in goods for wizards and magicians in Berlin was again and again thrown curveballs by social developments and political events. The Zauberkönig often came close to bankruptcy, but escaped this destiny repeatedly thanks to the perseverance of its owners.

The history of the Zauberkönig starts with the Leichtmann family, a Jewish magician dynasty that originally hailed from Vienna. The daughters of this family opened magicians’ shops in Munich, Berlin and Hamburg in the late 19th century. The Berlin Zauberkönig opened it’s gates at Friedrichstrasse 52 in 1899 and moved two doors down in 1906, to Friedrichstrasse 54. Back then, the area was a stronghold of artistes and magicians due to its many vaudeville halls, cabarets and movie theaters. In 1938, the shop was Arianized and the Jewish owners Arthur and Charlotte Kroner (née Leichtmann) were dispossessed. Now, three Stolpersteine (golden cobblestones that are engraved with the names of Nazi victims and can be found across Europe in front of houses where Jewish victims of the Nazi regime lived) point to the former owners – the couple committed suicide in 1943 to avoid deportation and their daughter Meta was killed in Auschwitz that same year.
Regina Schmidt, an employee of the shop, took it over in 1938 and ran it during the tumultuous war years. In 1952, the GDR-government decided that all businesses owned by West-Berliners that resided in East Berlin were to be dispossessed without replacement and nationalized. That also affected Mrs. Schmidt. She was forced to hand over her shop and all goods on sale to the Volkspolizei, the East-German police, and risk a new start in West Berlin. Since she was a member of the parish council, she was allowed to lease a lot adjacent to Neukölln’s Jerusalem Cemetery. There, she built a small house. And that is how the Zauberkönig ended up on Hermannstraße some 60 years ago, and where it can be found to this day, the „only joke and novelty store located in a cemetery”.

When Mrs. Schmidt died in 1978, Günter Klepke bought the shop. We met with the 82-year-old last summer – unaware that another change was in store for the Zauberkönig. Mr. Klepke has not been able to run the store by himself for a long time, due to his age. From 1995 on, his daughter Mona Schmid was running the shop and he only manned the sales counter on Saturdays and helped out from time to time.
He told us that he discovered the Zauberkönig at its Friedrichstraße location as a child, in 1936, and that he had already been fascinated by magic back then. Professionally, he opted for another road – after the war, he worked as a guard for the American Labor Service, as a salesman for car antennas, for a short period he was a “sound maker” for the radio, and was also employed at a coil spring producer. Moreover, he had a myriad of hobbies, was a member in a skittles club, a chess club and a music club, and an amateur magician with the “Zauberfreunde Berlin”. When he heard that Mrs. Schmidt had died, in 1978, his wish to take over the Zauberkönig intensified. He scraped together the necessary funds with a Marshall Plan loan and quit his job. He showed us a guest book that bears signatures from countless famous magicians that have shopped at his store over the years. Among his customers was the former professional soccer player Pierre Littbarski and the East-German rock band Puhdys, he says.

Unfortunately, the core business –fireworks and carnival items –has been going down continuously in recent years. Briefly after our interview last year, the Zauberkönig closed down. For a while, it was not clear whether the store would ever open again. But fortunately, the 26-year-old granddaughter of Klepke, Karen Goetzke, took over the reins and renovated the shop. It reopened in May 2012, slightly tidier. But a lot of its eccentric charm has been conserved.
We were especially fascinated by what Mr. Klepke told us about Neukölln during the years after the war – when the area was still famous for its music bars, movie theaters and ballrooms. Mr. Klepke was, last but not least, also a very active participant in the Berlin nightlife.

 

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